Liebe ist doch kein Stück Käsekuchen

Eine Verteidigung der Erfahrung gegen das Misstrauen ihrer eigenen Zeit

Iris Biensack - Allgemeine Erziehungswissenschaftlerin (B.A.) & Pädagogin

Ich bin früh Mutter geworden. Mit zweiundzwanzig kam meine erste Tochter zur Welt – ungeplant, in einer Zeit, in der ich selbst noch suchte, wer ich war. Drei Jahre später kam meine zweite Tochter, diesmal ein Wunschkind. Nicht, weil plötzlich alles leichter gewesen wäre, sondern weil ich nicht wollte, dass mein erstes Kind allein durch die Welt gehen muss.

Die ersten Jahre waren hart. Keine familiäre Unterstützung, ein Mann, der viel arbeitete, ein Kind, das Rituale brauchte wie andere die Luft zum Atmen. Wenn etwas nicht so lief wie gewohnt, konnte es eskalieren – so sehr, dass ich manchmal verzweifelt weinend auf der Treppe saß und nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll. Und trotzdem wollte ich ein zweites Kind. Ich wollte das. Ich wusste es, ohne es erklären zu können.

Als meine zweite Tochter geboren wurde, kam nicht die große Freude. Es kam Erschöpfung. Müdigkeit. Berge von Wäsche. Und gleichzeitig dieser eine Moment: die beiden Kinder, die vom ersten Tag an miteinander spielten, als hätten sie sich schon immer gekannt. Meine ältere Tochter, die Autistin ist, fand in der jüngeren eine soziale Brücke. Und die jüngere lernte durch die ältere, dass Menschen unterschiedlich ticken dürfen.

Ich habe mich oft gefragt, ob ich beiden gerecht werde. Ob ich genug bin. Und wenn ich spürte, dass eine von ihnen mehr Nähe brauchte, gab es „Mamazeit“. Oder „Papazeit“. Oder „Mama-Papazeit“. Wir haben uns die Zeit genommen, die wir hatten. Nicht perfekt. Aber ehrlich.

Es heißt, ein Kind großzuziehen braucht ein Dorf. Aber für mich braucht es vor allem Eltern, die fühlen – und die sich trauen, sich von ihrem Fühlen leiten zu lassen.

Es gibt einen Moment, von dem viele Mütter berichten, wenn sie ein zweites Kind erwarten oder geboren haben. Sie weinen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern leise. Manchmal unerwartet. Manchmal ohne Worte. Eine Mutter sagte einmal: „Ich habe mein erstes Kind angesehen und plötzlich gedacht: Wie soll ich das teilen?“ Eine andere schrieb: „Ich weine, weil ich Angst habe, meinem Großen etwas wegzunehmen.“

Für dieses Weinen gibt es inzwischen Begriffe. „Mom Guilt“, „second baby guilt“, „maternal ambivalence“ – Wörter, die versuchen, dieses innere Erleben zu benennen, zu ordnen und zu erklären. Und fast immer folgt auf dieses Weinen sofort eine zweite Bewegung: die Erklärung. Hormone. Anpassung. Psychologische Prozesse. Bindungstheorie. Studien. Modelle. Als dürfte ein Gefühl nicht einfach existieren, ohne gerechtfertigt zu werden.

Aber vielleicht liegt genau hier der Bruch unserer Zeit.

Nicht darin, dass wir fühlen. Sondern darin, dass wir dem Gefühl nicht mehr trauen, ohne es zu erklären.

Wir haben gelernt, unsere eigene Erfahrung zu beobachten, statt in ihr zu leben. Kaum entsteht ein innerer Impuls, tritt ein zweiter innerer Beobachter hinzu, der fragt: Was bedeutet das? Ist das normal? Ist das richtig? Muss ich mir Sorgen machen? Und so entsteht eine Distanz zwischen dem Menschen und seinem eigenen Erleben – eine Form der Entfremdung, die nicht von außen kommt, sondern im Inneren entsteht.

Diese permanente Selbstbeobachtung erscheint uns als Bewusstsein. Als Verantwortung. Als Reflexion. Aber sie enthält auch ein tiefes Misstrauen – ein Misstrauen gegenüber der eigenen Fähigkeit, in Beziehung zu sein, ohne sie erklären zu müssen.

Liebe ist kein Gedanke. Sie ist eine Erfahrung.

Sie entsteht nicht, weil wir sie verstehen. Sie entsteht, weil wir in Beziehung treten. Weil wir Zeit teilen. Weil wir anwesend sind. Weil wir berühren und berührt werden. Kein Mensch hat gelernt, sein erstes Kind zu lieben, weil er eine Theorie darüber verstanden hat. Die Liebe ist nicht aus Wissen entstanden, sondern aus Begegnung.

Und doch leben wir in einer Zeit, in der Eltern ständig mit Aussagen konfrontiert sind, die mit dem Satz beginnen: „Studien haben gezeigt.“ Dieser Satz hat eine enorme Autorität. Er suggeriert Gewissheit. Objektivität. Kontrolle. Aber er hat auch eine verborgene Wirkung: Er verschiebt die Quelle des Vertrauens – weg von der eigenen Wahrnehmung, hin zu einer äußeren Instanz.

Dabei würde ein seriöser Wissenschaftler oder eine seriöse Wissenschaftlerin nie in Absolutheiten über die eigenen Erkenntnisse sprechen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer eingebunden in ein konstruiertes Konzept, entstanden unter bestimmten Bedingungen, mit bestimmten Methoden und innerhalb bestimmter theoretischer Annahmen. Wissenschaft kann Zusammenhänge sichtbar machen, Muster erkennen und Perspektiven eröffnen – und genau darin liegt ihr Wert. Aber sie kann die gelebte Wirklichkeit eines konkreten Menschen nicht ersetzen. Sie kann ergänzen, was wir spüren. Doch sie sollte nicht überschreiben, was wir erfahren.

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse beginnen, die eigene Erfahrung zu überlagern, entsteht Entfremdung. Nicht vom Kind. Sondern von sich selbst.

Eltern beginnen, sich selbst zu beobachten, statt in Beziehung zu sein. Sie prüfen ihre Gefühle, statt ihnen zu vertrauen. Sie suchen nach Sicherheit, wo es keine Sicherheit geben kann. Denn Beziehung ist kein statischer Zustand. Sie ist ein lebendiger Prozess. Sie entwickelt sich, verändert sich, lässt sich nicht vollständig kontrollieren oder vorhersagen.

Liebe ist doch kein Stück Käsekuchen.

Sie lässt sich nicht berechnen. Nicht aufteilen. Nicht absichern. Sie ist kein Objekt, das verwaltet wird. Sie ist ein Prozess, der sich entfaltet.

Aber diese Entfaltung erfordert etwas, das in unserer Zeit selten geworden ist: Vertrauen in die eigene Erfahrung.

Vertrauen bedeutet nicht, alles zu wissen. Vertrauen bedeutet, nicht alles wissen zu müssen. Es bedeutet, sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Ausgang nicht vollständig kontrollierbar ist. Es bedeutet, zu fühlen, ohne sofort zu analysieren. Zu erleben, ohne sich selbst permanent zu beobachten.

Unsere Zeit hat ein tiefes Vertrauen in den Intellekt entwickelt. Und dieses Vertrauen hat uns weit gebracht – es hat uns ermöglicht, die Welt zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und Wissen zu schaffen. Aber es hat uns auch etwas vergessen lassen: dass nicht alles, was wesentlich ist, durch Intellekt entsteht.

Beziehung entsteht nicht durch Erklärung. Sie entsteht durch Gegenwart.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung unserer Zeit. Nicht mehr zu wissen. Sondern wieder zu erfahren. Nicht alles zu kontrollieren. Sondern dem Werden Raum zu lassen.

Denn das Wissen, das aus gelebter Erfahrung entsteht, ist kein geringeres Wissen. Es ist das ursprünglichste Wissen, das wir besitzen.

Als meine jüngere Tochter etwa sechs Monate alt war, schlief sie in ihrem eigenen Bett, aber bei uns im Schlafzimmer. Doch jedes Mal, wenn ich sie hinlegte, brüllte sie wütend. Eines Abends ging ich zu ihr, versuchte sie zu beruhigen, und fragte irgendwann einfach: „Möchtest du zu deiner Schwester rüber?“ Ihre Augen wurden groß. Ich trug sie ins Kinderzimmer, legte sie unten ins Stockbett, baute eine Ausfallsicherung – und sie war still.

Keine Studie hatte mir das gesagt. Kein Ratgeber. Kein Experte. Nur das Gefühl einer Mutter, die ihr Kind anschaut und versteht.

Vor Kurzem haben mir meine beiden Töchter – inzwischen 26 und 23 – erzählt, dass die Jüngere, wenn sie schlecht geträumt hat, zu ihrer großen Schwester ins Bett gekrabbelt ist. Und dort weitergeschlafen hat.

Manchmal entfaltet sich Liebe genauso. Nicht, weil jemand sie erklärt hat. Sondern weil jemand ihr vertraut hat.

Zur Verfasserin

Iris Biensack ist Allgemeine Erziehungswissenschaftlerin (B.A.) und staatlich anerkannte Jugend- und Heimerzieherin. Sie ist seit über 30 Jahren pädagogisch in unterschiedlichen Feldern tätig, unter anderem in der Arbeit mit Kindern mit besonderen Bedarfen, in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im schulischen Kontext.
Sie ist Mutter von zwei Töchtern, eine von ihnen ist autistisch. Ihre Perspektive verbindet wissenschaftliche Reflexion mit langjähriger pädagogischer Praxis.

© 2026 Iris Biensack. Alle Rechte vorbehalten.