Kann man in der Pädagogik von Liebe sprechen, ohne rot zu werden?
Liebe in der Pädagogik – über professionelle Nähe, Beziehung und Macht
Iris Biensack - Allgemeine Erziehungswissenschaftlerin (B.A.) & Pädagogin
Dieser Essay ist Teil meiner Arbeit an einer professionellen Pädagogik, die Beziehung, Verantwortung und Macht neu denkt. Er richtet sich an Fachkräfte, die jenseits von Techniken über Haltung sprechen wollen – und die das Wort „Liebe“ nicht den falschen Händen überlassen möchten.
Zwei Jungen und ein Kochlöffel
Als ich am Institut für Heilpädagogik und Erziehungshilfe arbeitete, bot ich am Nachmittag einen Kochkurs an. Als ich das Angebot vorstellte, meldeten sich ausgerechnet die beiden schwierigsten Jungen an – bekannt für ihre heftigen, manchmal gewalttätigen Ausbrüche. Ich wusste, wovon ich sprach: Ich war selbst schon einmal Opfer eines solchen Ausbruchs geworden, hatte Verletzungen davongetragen und musste zum Arzt.
Im Raum war es kurz still. Mein Chef bot mir flüsternd an, „einen starken Mann zur Seite“ zu stellen. Und ehrlich: Ich überlegte. In einer Küche liegen Messer, es gibt einen Herd und scharfe Geräte, und ich hatte etwas Angst. Aber dann fragte ich die beiden direkt: Könnt ihr mir versprechen, dass es zu keinen Ausbrüchen kommt – auch dann nicht, wenn etwas nicht so läuft, wie ihr es euch vorstellt? Und dass ihr euch nicht in die Wolle bekommt?
Sie sagten Ja. Sie wollten unbedingt mit der „Mutti“ kochen.
Also kochten wir. Ohne einen starken Mann an meiner Seite.
Es wurden gute Stunden, viele davon. Ich nahm die beiden an und verurteilte sie nicht. Ich vertraute ihnen – ohne naiv zu sein. Und sie vertrauten darauf, dass ich gut auf sie achtgab. Wir redeten, wir lachten. Wenn einer merkte, dass es ihm nicht gut ging und er eine Pause brauchte, sagte er es – und durfte raus an die frische Luft.
Beide waren stark davon geprägt, sich über die Erniedrigung anderer zu erheben, um sich selbst besser zu fühlen – weil ihnen in ihrem wirklich schwierigen Alltag wenig anderes blieb. Im Kochkurs gab ich ihnen etwas, worin sie gut sein konnten und worauf sie stolz sein durften. Und damit meine ich nicht nur das Kochen. Ich meine, dass sie es schafften, nicht auszurasten. Dass sie ihr Wort hielten.
Und genau hier zeigte sich, wie eng Gewalt, Anerkennung und Beziehung miteinander verbunden sind.
Diese Jungen kannten körperliche Nähe fast nur als Gewalt, Kontrolle oder Grenzüberschreitung. Zärtlichkeit, Fürsorge oder ein liebevolles Berühren hatten in ihrem Alltag kaum Platz. Niemand hatte sie einfach gehalten, weil sie traurig waren. Niemand hatte ihnen selbstverständlich vermittelt, dass Nähe auch Schutz, Ruhe und Fürsorge bedeuten kann.
Dabei ist körperliche Nähe eine der ursprünglichsten Formen menschlicher Begegnung – lange bevor wir sprechen oder uns erklären können.
Ein Kind versteht eine ruhige Hand auf dem Kopf oft früher als jedes pädagogische Konzept. Vielleicht liegt genau darin etwas zutiefst Menschliches: dass Vertrauen manchmal dort beginnt, wo ein Mensch erlebt, dass er berührt werden kann, ohne sich verteidigen zu müssen.
Deshalb berührte ich sie nur vorsichtig und immer erst nach einer Frage.
Ich streichelte ihnen manchmal über den Kopf oder fasste sie am Arm, und ich fragte jedes Mal vorher, ob ich das darf. Mit der Zeit kam es vor, dass sie selbst nach einer Umarmung fragten. Und ich glaube heute, dass das wichtig war – nicht als Methode, sondern als Erfahrung: dass Nähe nicht wehtun muss.
Ich war nach jedem Nachmittag völlig erschöpft. Aber es hat sich gelohnt – und es gelang nicht trotz, sondern wegen einer Haltung, für die ich kein besseres Wort habe als dieses: professionelle Liebe.
Diese Nachmittage mit den Jungen haben mir etwas gezeigt, das ich erst später begriff: Liebe ist nicht das, was man fühlt – sondern das, was man tut. Und genau deshalb lohnt sich ein Blick in die Philosophie.
Von dieser Haltung handelt dieser Essay.
I. Philosophische Annäherung: Liebe als Bewegung
In der antiken Philosophie ist Liebe keine Emotion, sondern eine Bewegung. Bei Platon ist Eros nicht bloßes Begehren, sondern Aufstieg – vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Schönen zum Guten, vom Sichtbaren zum Wahren. Das eigentliche Begehren, sagt Sokrates im Symposion, ist das nach Glückseligkeit. Der Mensch begehrt, was ihn nach seinem Dafürhalten glücklich macht – und nur der Weise täuscht sich dabei seltener als andere.
Bei Aristoteles wird Philia zur Freundschaft unter Gleichen. Sie beruht nicht auf Nutzen und nicht auf Vergnügen, sondern darauf, dass einer das Gute im anderen wahrnimmt und anerkennt.
Und die Agape meint eine Zuwendung, die nicht nach dem Gegenwert fragt. Sie richtet sich auf den anderen – ohne Rückforderung, ohne Kalkül.
So verschieden diese Begriffe sind, eines teilen sie: Liebe ist kein Besitz und kein Zustand, sondern ein Verhältnis. Sich auf jemanden ausrichten, ohne ihn zu verschlingen.
Der pädagogische Eros – und seine Perversion
Der Begriff „pädagogischer Eros“ ist historisch schwer belastet. Die Reformpädagogik brachte nicht nur Ideale hervor, sondern auch Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt. Diese Geschichte lässt sich nicht ausblenden, und ich will sie nicht ausblenden.
Trotzdem wäre es unredlich, die Reformpädagogik im Ganzen zu verwerfen. Sie war kein homogener Block. Es gab Strömungen, die Mitbestimmung, Selbsttätigkeit und kindliche Würde ernst nahmen – und solche, in denen Nähe unreflektiert blieb und damit gefährlich wurde. Auf diese Unterscheidung kommt es an.
Die Frage lautet deshalb nicht: Dürfen wir noch von Liebe sprechen? Sondern: Wie müssen wir von ihr sprechen, damit sie nicht zum Übergriff wird?
II. Etymologische Spur: Liebe als Anerkennung
Ein Blick ins etymologische Wörterbuch zeigt eine überraschende Nähe. Die indogermanische Wurzel leubh- verweist auf „gernhaben“, „gutheißen“, „loben“, „vertrauen“. Liebe meint ihrem Ursprung nach nicht Leidenschaft. Sie meint: etwas gelten lassen. Etwas bejahen. Jemandem Vertrauen schenken. Auch das althochdeutsche liob heißt zunächst angenehm, wert, freundlich.
Liebe ist sprachlich also näher an der Anerkennung als an der Verschmelzung. Und das verändert alles. Denn wenn Liebe ihrem Ursprung nach Anerkennung bedeutet, dann ist sie kein Gegensatz zur Professionalität – sondern vielleicht deren Voraussetzung.
III. Pädagogische Ethik: Annahme ohne Vorverurteilung
Wenn ich von Liebe als professioneller Grundhaltung spreche, meine ich kein Gefühl. Ich meine eine radikale Form der Annahme.
Bedingungslose Annahme heißt: Ich trete dir nicht mit einer Gegenannahme entgegen. Nicht mit einem Urteil. Nicht mit einer Schublade. In der qualitativen Forschung gibt es dafür einen Begriff – „Fremdheit wahren“. Er meint, sich den Gegenstand nicht zu schnell vertraut zu machen und ihm keine vorschnelle Kategorie überzustülpen. Genau hier berühren sich wissenschaftliche und pädagogische Haltung.
Was aber geschieht oft in der Praxis? Die Akte wird gelesen, die Diagnose steht schon fest. „Schwierig.“ „Nicht beschulbar.“ „Verhaltensauffällig.“ Die Kategorie geht dem Menschen voraus – sie ist da, bevor er den Raum betritt.
Liebe, im hier gemeinten Sinn, heißt dann: Ich lasse die Möglichkeit offen, dass du mehr bist als deine Zuschreibung. Das ist keine Sentimentalität. Das ist Demut im Erkennen.
Das Problem der Kategorisierung
Natürlich brauchen wir Kategorien. Ohne sie könnten wir nicht handeln. Aber Kategorien sind Vereinfachungen – sie ordnen, indem sie reduzieren. Das Kind wird zum Fall, der Jugendliche zur Diagnose. Die ethische Frage ist deshalb nicht, ob wir Kategorien verwenden, sondern wann: Wann dient die Kategorie der Orientierung – und wann ersetzt sie die Begegnung?
Liebe als professionelle Haltung heißt nicht, auf Kategorien zu verzichten. Sie heißt: Keine Kategorie darf endgültig sein.
Beziehung als Erkenntnisform
Vielleicht liegt hier der eigentliche Kern des Problems. Denn professionelle Liebe ist nicht nur eine moralische Haltung. Sie verändert auch, was wir überhaupt wahrnehmen können.
Wer einem Menschen nur über Kategorien begegnet, sieht vor allem das, was bereits bekannt ist: die Diagnose, die Akte, das Verhalten. Beziehung dagegen öffnet einen Raum, in dem etwas sichtbar werden kann, das vorher nicht sichtbar war. Nicht, weil der Mensch sich plötzlich verändert hätte – sondern weil er nicht mehr vollständig auf das reduziert wird, was bereits über ihn gewusst wird.
Darin liegt die erkenntnistheoretische Bedeutung von Beziehung. Sie ist kein netter Zusatz professionellen Handelns. Sie ist die Voraussetzung dafür, einen Menschen überhaupt in seiner Möglichkeit wahrzunehmen.
Vielleicht erklärt das, warum technokratische Systeme so stark zur Verhärtung neigen. Wo nur noch verglichen, kategorisiert und standardisiert wird, entsteht leicht die Illusion, der Mensch sei bereits vollständig erkannt. Aber kein Mensch geht in seiner Kategorie auf. Professionelle Liebe bedeutet deshalb nicht, auf Professionalität zu verzichten – im Gegenteil. Sie bedeutet, sich gegen die Versuchung zu wehren, einen Menschen vorschnell für verstanden zu halten.
Wovon der Vergleich lebt
Und hier muss ich weitergehen, als ich es früher getan hätte. Denn die Kategorie ist nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte ist der Vergleich.
Wir leben in einer Kultur, die fortwährend misst, sortiert und in eine Rangfolge bringt. Schon das Kind lernt früh, dass es nicht genügt, etwas zu können – man muss es besser können als der Nebenmann. Die Note ist dafür nur das sichtbarste Werkzeug. Ich sage nicht, dass Bewertung an sich falsch ist; wir brauchen ein Gespür dafür, worin ein Mensch stark ist, und wir müssen ihn fördern können. Das Problem ist nicht, dass bewertet wird. Das Problem ist, was eine ganze Kultur aus dem Vergleich macht.
Denn der Vergleich kennt zwei Bewegungen, und sie hängen zusammen: Aufwertung und Abwertung. Wer sagt „ich habe die Eins“, sagt stumm im selben Atemzug mit: „und du nur die Zwei“. Das eigene Hochgefühl speist sich aus dem Tieferstehen des anderen. Es ist ein Selbstwert, der ohne ein Gefälle nicht auskommt – und der deshalb ständig jemanden braucht, der unten steht.
Dazu kommt eine Engführung: Vergleichbar gemacht wird vor allem das Intellektuelle, das Messbare, das in Zahlen Fassbare. Was ein Mensch körperlich, sozial oder emotional vermag – seine Fähigkeit, einen anderen zu trösten, Spannung auszuhalten oder etwas mit den Händen zu erschaffen – fällt durch dieses Raster. Es wird nicht bewertet, also gilt es als wertlos. So entsteht auf der einen Seite ein Hochgefühl, das sich für verdient hält, und auf der anderen ein Mensch, der lernt, dass das, was er kann, nicht zählt.
An diesem Punkt schließt sich der Kreis zu den beiden Jungen aus dem Kochkurs. Sie hatten gelernt, sich über die Erniedrigung anderer zu erheben – nicht aus Bosheit, sondern weil ihnen sonst kein Weg nach oben offenstand. Wer nie erlebt, dass das, was er kann, anerkannt wird, der sucht sich seine Aufwertung dort, wo sie noch zu haben ist: im Tieferstehen eines anderen. Abwertung ist oft nichts anderes als die letzte verfügbare Form von Selbstwert.
Und genau hier hat die professionelle Liebe ihre Aufgabe. Sie unterbricht diese Kette. Sie sagt dem Menschen: Du musst niemanden unter dir haben, um etwas wert zu sein. Ich erkenne dich an – nicht im Vergleich zu einem anderen, sondern als den, der du bist.
IV. Augenhöhe im Konflikt – wenn es wehtut
Ich habe erlebt, wie sich das Gegenteil von Augenhöhe anfühlt.
Ein Lehrer beschimpfte regelmäßig eine fünfte Klasse. Er schrie einzelne Kinder an, besonders die, die sich widersetzten. Die Klasse wurde still – aber nicht ruhig. Eingeschüchtert. Verunsichert. Und unterschwellig wütend.
Als ich diese Klasse vertretungsweise übernahm, begegnete sie mir mit Misstrauen. Nicht laut, aber spürbar. Unterricht war in diesem Moment zweitrangig. Wir setzten uns in einen Kreis, ich wollte verstehen, was geschehen war. Natürlich wurde dazwischengeredet. Also setzte ich eine Regel: Wer dazwischenredet, stellt sich für zwei Minuten still hin.
Kurz darauf rutschte mir selbst ein Kommentar heraus. „Oh Mist, jetzt muss ich mich auch hinstellen.“
Und ich tat es.
In diesem Moment veränderte sich alles. Nicht, weil ich besonders klug gewesen wäre. Sondern weil die Regel für alle galt – auch für mich.
Augenhöhe bedeutet nicht Gleichheit der Rolle. Aber Gleichheit in der Würde.
V. Nähe, Distanz – und institutionelle Kälte
Auf einer Mutter-Kind-Station war es üblich, die jungen Mütter vom Schreibtisch aus anzusprechen. Disziplinierung aus dem Büro heraus. Der Dialog wurde selten wirklich gesucht. Unter Kolleginnen wurde abfällig über die Teenagermütter gesprochen. So konnte kein Vertrauen entstehen – und ein Gefühl von Zuhause erst recht nicht.
Ich suchte das Gespräch. Ich fragte. Ich versuchte, Beziehung aufzubauen. Daraufhin wurde mir gesagt, mein Vorgehen sei falsch. Das sei „zu persönlich“. Man müsse Distanz wahren, die jungen Mütter sollten nicht zu viel Nähe erfahren. Man solle ihnen auch nicht „vormachen“, wie eine Mutter sich verhält. Lachen und Freude waren unerwünscht.
Hier begann für mich eine grundlegende Frage: Wenn Professionalität bedeutet, sich emotional abzuschotten – was bleibt dann von Pädagogik?
Distanz ist notwendig. Aber Distanz ohne Dialog wird Kälte. Was auf der Mutter-Kind-Station fehlte, war keine Methode – es war die institutionelle Erlaubnis, überhaupt in Beziehung zu treten.
VI. Professionelle Liebe – eine Haltung, keine Technik
Viele Pädagoginnen beginnen mit Idealismus und enden im Zynismus. Nicht aus Bosheit, sondern aus Erschöpfung. Ich möchte keine Pädagogin sein, die verhärtet.
Professionalität heißt für mich, über Werte und Normen nachzudenken. Macht zu reflektieren. Die eigene Verletzlichkeit nicht zu leugnen. Ich bin kein unantastbares Ideal. Ich bin ein Mensch. Und vielleicht ist gerade diese Anerkennung der eigenen Begrenztheit die Voraussetzung dafür, andere nicht zu erniedrigen. Daraus ergibt sich eine ethische Position, die sich nicht in Regeln erschöpft.
Professionelle Liebe bedeutet nicht grenzenlose Offenheit. Sie bedeutet die bewusste Entscheidung, dem anderen in Interesse, Würde und Wahrhaftigkeit zu begegnen – ohne die eigene Begrenztheit zu verleugnen.
Annahme ohne Vorverurteilung. Interesse ohne Bevormundung. Klarheit ohne Demütigung. Offenheit ohne Selbstaufgabe. Standhaftigkeit ohne Dominanz. Phantasie ohne Willkür.
Nachsatz
Vielleicht ist das Wort „Liebe“ nur deshalb verdächtig, weil wir Macht nicht moralisch denken wollen. Vielleicht verbirgt sich hinter der Angst vor Nähe eine Angst vor Verantwortung. Vielleicht ist technokratische Pädagogik einfach bequemer.
Aber die beiden Jungen aus dem Kochkurs haben mir etwas anderes beigebracht. Sie haben sich an ihr Wort gehalten – nicht, weil ein starker Mann danebenstand, sondern weil ihnen jemand zutraute, mehr zu sein als ihre Akte. Das ist keine Romantik. Das ist Arbeit, und sie kostet Kraft. Aber sie ist möglich.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung pädagogischer Arbeit: Dass Menschen nie vollständig kontrollierbar, vollständig erklärbar oder vollständig berechenbar sind. Pädagogik bleibt deshalb immer ein Risiko der Beziehung. Sie verlangt Urteilskraft statt bloßer Anwendung, Gegenwart statt bloßer Verwaltung und die Bereitschaft, den anderen nicht vorschnell für verstanden zu halten.
Vielleicht ist Liebe nicht das Problem der Pädagogik. Vielleicht ist sie ihr Prüfstein.
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